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Achtsamkeit im Arbeitsalltag: Wie Achtsamkeit im Job etabliert werden kann

10. Februar 2022 - 9:14
Katrin Seidel, bfkm Training

Autor:    Katrin Seidel

Achtsamkeit im Unternehmen führt zu weniger Fehlern, erhöhter Kreativität und größerer Zufriedenheit. Welche Vorbehalte gibt es bei diesem Thema? Und wie kann Mindfulness im Unternehmen integriert werden?

Eigentlich ist es in Unternehmen genauso wie im Privaten: Begegnet manchen Menschen etwas Neues und Unbekanntes, dann sind sie erst einmal skeptisch und lassen es nicht an sich ran. Immerhin haben sie ja weder in der Schule noch im Studium etwas davon gehört…Warum sollte dann Achtsamkeit im Arbeitsalltag überhaupt etwas bringen?

Auch wenn allgemein bekannt ist, dass Achtsamkeit vor Stress und Überforderung schützt, besteht bei naturwissenschaftlichen Menschen eine große Skepsis gegenüber solchen Methoden. Gerade Ingenieur:innen oder Vertriebsmitarbeiter:innen sind besonders skeptisch. Immerhin geht es in ihrem Job um harte Zahlen und Fakten und um die Optimierung von Prozessen, Strukturen oder Systemen. Da ist kein Platz für Meditation und Atemübungen. Aber genau da gehören sie hin!

Denn Achtsamkeitsübungen ersetzen keine erfolgreichen Prozesse, sondern führen zu mehr Klarheit und Aufmerksamkeit. Strukturen werden klarer wahrgenommen, Fehler schneller entdeckt. Damit gehen Achtsamkeit und Prozessoptimierung Hand in Hand.

Ein weiterer Vorbehalt, den man oft hört, ist: „Achtsamkeit ist uns zu esoterisch und buddhistisch.“

Viele Methoden wurden vielleicht im Buddhismus entwickelt. Ihre positive Wirkung lässt sich heute leicht mit neurowissenschaftlichen und bildgebenden Verfahren nachweisen. Im Leistungssport und bei Unternehmen wie Google, Siemens oder RWE sind sie schon lange Bestandteil der Unternehmenskultur. Sie haben erkannt, dass Achtsamkeitstraining Burnout und psychischen Erkrankungen vorbeugt.

Aber auch Führungskräfte und Mitarbeiter:innen, die nicht vom Burnout bedroht sind, profitieren von Achtsamkeitsmethoden: Sie machen weniger Fehler, sind kreativer und zufriedener.

Wie kann man dann ein Thema, dass mit so vielen Vorbehalten belastet ist, im Unternehmen etablieren?

In einem internationales Gesundheitsunternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeiter:innen sind wir diesen Weg gegangen. Die Herausforderung bestand darin, dass alle Mitarbeiter:innen sehr dezentral organisiert waren und es sehr standardisierte Arbeitsabläufe gab, die zur Qualitätssicherung auch notwendig sind. Ziel war es, die Resilienz der Mitarbeiter:innen zu erhöhen und wirklich jeder:m Mitarbeiter:in in der Fläche die Gelegenheit zu geben, mit dem Stress im Arbeitsalltag besser umzugehen. Dadurch sollten stressbedingte Krankheiten und Ausfälle verringert und das allgemeine Wohlbefinden gestärkt werden.

Nachhaltige Veränderungen werden nur erreicht, wenn Weiterbildung Spaß macht und über ein punktuelles Training hinausgeht. Das erreicht man zum Beispiel, indem ein Trainingsprogramm über einen längeren Zeitraum geht, und es aus einer Mischung aus Microlearning und kurzen Liveworkshops besteht. Unser Trainingsprogramm ging über 9 Wochen, in denen sich die Mitarbeiter:innen  intensiv und vor allem alltagsbegleitend mit dem Thema auseinandersetzen konnten. Nur durch diesen langen Zeitraum kann wirklich Resilienz aufgebaut und ein veränderter Umgang mit den täglichen Herausforderungen erzielt werden. Ein Trainingsprogramm für mehr Resilienz  kann zum Beispiel so aussehen:

Ablauf Actsamkeit im Alltag

In der Regel haben sich viele Mitarbeiter:innen noch nie mit dem Thema „Umgang mit Stress“ beschäftigt – daher ist es in einem 1. Schritt wichtig, die grundlegenden Zusammenhänge – zum Beispiel mit einem Lehrfilm – zu vermitteln. Das kommt nicht nur gut an, sondern öffnet auch alle für dieses Thema. Und in den eigentlichen Trainingsslots hat man dadurch wesentlich mehr Zeit für Austausch und Übungen.

In einem 2. Schritt hat sich ein Trainingsauftakt bewährt, der in Präsenz oder Online durchgeführt werden kann. Hier werden weitere Inhalte vermittelt und es kann auf die Besonderheiten im Unternehmen eingegangen werden. Zudem gibt es dadurch wertvollen Raum für einen Austausch der Kolleg:innen untereinander.

Im Anschluss an diesen Workshop geht dann das eigentliche Training los – in unserem Fall war es eine MBSR Übungsreihe. MBSR bedeutet Mindfulness-Based Stress Reduction. Über 8 Wochen können so wöchentlich verschiedene Entspannungstechniken trainiert und Fragen geklärt werden. Für die, die nicht dabei sein können, kann diese Trainingseinheit aufgezeichnet und Online zur Verfügung gestellt werden.

Am Ende dieser Reihe ist es sinnvoll, in einem Abschlussworkshop  die Erfahrungen auszutauschen,  die Ergebnisse auszuwerten und eventuelle Hemmnisse und Stolpersteine aus dem Weg zu räumen.

In einem Forum können während dieser Zeit spontan auftretende Probleme oder Fragen geklärt werden.

Was hat unser Training bewirkt und uns überrascht? Wirklich überrascht hat uns die breite Akzeptanz in der Belegschaft. Das lag zum einen an dem Film, zum anderen an dem vorgeschalteten Stresstest. Durch den Film war das Bewusstsein und vor allem eine Offenheit für dieses Thema bei allen da. Als zweites haben uns die persönlichen Erfolge jedes:r einzelnen Teilnehmer:s:inerfreut. Da gab es Mitarbeiter:innen,  die endlich wieder gut schlafen konnten, weil sie sich jetzt Zeit nehmen, vor dem Einschlafen eine Übung aus dem MBSR - Methodenkoffer zu machen.

Andere Mitarbeiter:innen waren manchmal so angespannt, dass sie Halsschmerzen hatten. Diese waren nach kurzer Zeit völlig verschwunden.

Das Feedback einer Teilnehmerin hat uns besonders berührt: „Ich habe in diesen 9 Wochen gelernt, dass ich mich wirklich mit mir selber beschäftigen muss, um überhaupt eine Veränderung herbeizuführen. Und dass ich mir jetzt die Zeit nehme, weil sich sonst nichts ändert. Allein für dieses Bewusstsein bin ich sehr, sehr dankbar.

Auf einer Skala von 1 bis 10 bin ich immer noch auf einer 7, aber ich weiß, dass ich in kleinen Schritten immer weiter gehen kann.“

Auch wir hatten ein Learning: als Trainer:innen können wir manchmal gar nicht mehr nachvollziehen, wie schwer es ist, Achtsamkeit im Alltag zu etablieren. Für uns war der Schlüssel zum Erfolg die Kleinteiligkeit des Programms. Dadurch konnte wirklich jede:r etwas für sich mitnehmen. Und wenn es nur das Durchatmen im Auto ist, nach dem Job, bevor die Kinder von der Schule abgeholt werden.

Oder das Unterbrechen dieser ungesunden „wenn – dann“ Beziehung: „Ich gehe erst dann laufen, wenn ich alles abgearbeitet habe, was ich mir vorgenommen habe.“ Nein!!!  ‚Ich merke gerade, ich bin gestresst, also tue ich jetzt gleich was dagegen! ´

Und wie war das Feedback des Unternehmens? Natürlich gab es bei einigen Teilnehmer:innen die Anfangserwartung: „Gib mir den Zauberstab oder zeig mir den Trick, damit es mir wieder gut geht.“ Es war klar, dass diese Erwartungen kommen und dass es so einen Zauberstab oder Trick nicht gibt. Das Training hat dazu beigetragen, dass der Stresslevel bei allen deutlich gesunken ist und dass ein Bewusstsein da ist, dass jeder selber etwas dafür tun kann.

Ein positiver Nebeneffekt war der Austausch unter den Kolleg:innen und die Gelegenheit, dass sich endlich auch mal Mitarbeiter:innen kennenlernen, die in einem Präsenzseminar nie die Möglichkeit dazu gehabt hätten. Ansonsten hat ihnen natürlich unsere wertschätzende und achtsame Art gefallen und dass wir keine „Ratschläge“ erteilt haben, sondern die Leute so genommen haben, wie sie sind.

Sie möchten unser Trainingsprogramm "Ausbalanciert durch den Arbeitsalltag" in Ihr Unternehmen integrieren? Dann rufen Sie uns an oder schreiben Sie uns eine Mail an trainings@bfkm-halle.de

Autor: 

Katrin Seidel

Katrin Seidel, bfkm GmbH

Katrin Seidel ist systemischer Coach für Mitarbeiter*innen und Führungskräfte und begeisterte Unternehmerin. Seit mehr als 20 Jahren ist sie in der Führung der europaweit agierenden Trainingscompany bfkm GmbH tätig und somit selbst tagtäglich mit den Herausforderungen des Führungsalltags konfrontiert.