Küche gut, alles gut – ist das die Arbeitswelt der Zukunft?

1. Oktober 2018 - 10:34
Sandra & Michael Stüve, hcd - Die Arbeitsplatz Gestalter

Sandra und Michael Stüve planen seit über 20 Jahren Arbeitswelten für dialogstarke Teams. Ihre Erfahrungen haben Sie in 20 Thesen zusammengefasst, in denen Sie mit vielen Mythen aufräumen – ein Gespräch über die richtige Arbeitswelt für die Zukunft.

Erfolgreiches Contactcenter: Arbeitswelten werden immer schicker, Google, Microsoft und andere bauen Rutschen, Tartanbahnen und Wellness-Bereiche für die Mitarbeiter. Braucht man das, um im War for Talents zu bestehen?

Michael Stüve: Küche gut, alles gut – nach diesem Motto bauen heute viele Unternehmen ihre Arbeitswelten. Da wird viel Geld in die Hand genommen, um medienwirksame Leuchttürme zu schaffen. Aber: Vielfach fehlt es dann an der Alltagstauglichkeit dieser Arbeitswelten.

Es wird also falsch investiert?

Sandra Stüve Zumindest wird nicht konsequent investiert. Zuallererst muss es doch darum gehen, dass Mitarbeiter die bestmöglichen Werkzeuge vorfinden, um ihre Aufgabe fehlerfrei und mit hoher Kundenorientierung zu erledigen. Wenn es im Gruppenbüro also so unruhig ist, dass die Mitarbeiter häufig Kopfschmerzen bekommen, nützt mir doch der schönste Rückzugsraum für die Mittagspause nichts. Also es geht darum, den Mitarbeiter in den Mittelpunkt der Planung zu stellen und dann eine Arbeitswelt zu schaffen, die wertschätzend, wirtschaftlich und natürlich auch ein Stück weit visionär ist.

Visionär heißt dann auch, moderne Kanäle wie Video-Chat zu berücksichtigen?

Sandra Stüve: Das hängt doch vom Service-Design ab. Wenn Kunden Video-Chat nutzen wollen und es für den Servicefall vorteilhaft ist, ist das Unternehmen gut beraten, eine Arbeitswelt zu realisieren, die auch Video-Arbeitsplätze oder Video-fähige Arbeitsplätze mitbringt. Aber das ist sicherlich nicht so visionär, dass es die Arbeitgebermarke zum Leuchten bringt.

hcd: Arbeitswelten anders denken

Sind die erwähnten Rutschen oder Bällebäder also blanke Imagepolitur?

Michael Stüve: Soweit würde ich nicht gehen. Ich kann mir zwar gerade kein Servicecenter vorstellen, bei dem sich die Mitarbeiter über ein Bällebad freuen würden. Aber letztlich geht es neben der prozessgerechten Planung und einer hohen Produktivität natürlich auch darum, Mitarbeitern die Arbeit zu erleichtern – dazu gehören Rückzugsbereiche, die zum Durchschnaufen nach einem emotional anstrengenden Telefonat einladen. Da hilft ein Kicker oder eine Spielekonsole, da entspannt ein Massagesessel.

Sandra Stüve: Diese Dinge haben eine Funktion und genauso wie ein Concierge, der den Mitarbeitern einige lästige Alltagsthemen abnimmt. Uns geht es darum, dass eine Gestaltung ganzheitlich auf den Menschen ausgerichtet sein muss. Und dann funktioniert die Arbeitswelt auch.

Qualität braucht Raum für Kreativität und Lernen

Wer Leistung und Leistungsträger weiterentwickeln will, muss den notwendigen Raum dafür schaffen. Lern- und Kreativwelten bieten das Umfeld, um die eigene Tätigkeit im kreativen Austausch mit den anderen zu optimieren.

Reicht das schon für eine attraktive Arbeitgebermarke?

Sandra Stüve: Alles das führt dazu, dass Mitarbeiter ihre Arbeit gut und gerne erledigen. Und das spricht sich rum. Der Mitarbeiter von heute wird zum Botschafter für morgen. Das erleichtert das Recruiting und zahlt ganz wirksam auf die Arbeitgebermarke ein.

Michael Stüve: Und natürlich wollen und müssen sich Mitarbeiter auch weiterentwickeln. Auch dafür gibt es Konzepte und Raumideen, die diese Weiterentwicklung so gestalten, dass sie sich in den Arbeitsalltag einfügt und trotzdem anders ist als die Tätigkeit am Arbeitsplatz.

Der gute Planer entfesselt den Menschen, entwurzelt ihn aber nicht

Mehr Freiheit – dieses Versprechen predigen die Propheten der Arbeit 4.0. Dabei entwurzeln sie den Mitarbeiter, nehmen ihm das, was Identität stiftet und überlassen ihn mit Smartphone und mobilen Arbeitsgeräten ausgerüstet sich selbst. Doch Arbeit und Arbeitswelt schaffen Sinn und Orientierung, sorgen für sozialen Zusammenhalt und geben Heimat.

Stichwort Technik – wie sehen die Servicecenter der Zukunft denn aus?

Michael Stüve: Sie werden die Philosophie des New Work verinnerlichen. Sie werden dem arbeitenden Menschen Freiheiten zurückgeben, die durch die sprichwörtliche Industrialisierung und Taktung abhandengekommen sind. Denn sie werden für anspruchsvolle Tätigkeiten auch anspruchsvolle Mitarbeiter beschäftigen. Und technisch werden die vielen Collaboration-Werkzeuge, die gerade modern werden, schon bald zum Standard gehören. Medientechnik und ITK gewinnen also weiter an Bedeutung.

Smart Office ist die Arbeitswelt, die sich auf den Menschen einstellt

Die Arbeitswelt der Zukunft ist smart. Das „Smart Office“ wird mit Automatisierung näher an den Mitarbeiter heranrücken.

Die Arbeitswelt wird also komplexer – nicht nur die Zahl der Kanäle größer?

Michael Stüve: Dafür werden andere Dinge intelligenter und damit für den Anwender leichter. Wer im Smart Office zu seinem Arbeitsplatz kommt, der authentifiziert sich per Iris-Scan oder Fingerabdruck und Tisch und Stuhl stellen sich automatisch auf den Nutzer ein, die Anmeldung am PC erfolgt genauso automatisch wie das Einloggen am Telefon. Das ist kein Hexenwerk, erleichtert dem Mitarbeiter die Arbeit und spart natürlich letztlich auch Arbeitszeit.

Wie steht es mit der Flexibilisierung des Arbeitsortes?

Sandra Stüve: Entwurzeln Sie Ihre Mitarbeiter nicht, entfesseln Sie sie lieber. Und zwar am oder in der Nähe des Arbeitsplatzes. Der digitale Nomade, der von jedem Punkt der Welt aus seine Arbeit verrichtet, ist im Kundenservice kaum vorstellbar. Aber die Arbeitswelt muss Möglichkeiten bieten, bei der Arbeit eine andere Haltung einzunehmen, vom Sitzen zum Stehen zu wechseln, Besprechungen stehend und eLearnings auf dem Heimtrainer abzuhalten. Also mobil im Office und nicht mobil statt Office.

Was ist das Wichtigste bei jedem Planungsprojekt?

Michael Stüve: Der arbeitende Mensch. Und weil die Anforderungen in jedem Projekt anders sind, ist auch jede Arbeitswelt einzigartig. Es gibt kein Schema, nachdem sich die Arbeitswelt der Zukunft beliebig kopieren lässt, keine Blaupause. Aber es gibt belastbare Praxiserfahrungen, die zu einem immer individuell optimalen Ergebnis führen.

hcd: Projektbuch "Arbeitswelten anders denken"

Diese Thesen sind ein Auszug aus dem HCD Projektbuch „Arbeitswelten anders denken.

"20 Thesen für ein besseres Morgen.“ Dieses steht kostenfrei zum Download zur Verfügung.

Autor: 

Sandra Stüve

Sandra Stüve, HCD

Sandra Stüve berät Unternehmen bei der prozessorientierten, ganzheitlichen Planung von zukunftsweisenden Arbeitswelten. 1969 geboren, hat sie nach dem BWL-Studium internationale Praxiserfahrung bei ABB gesammelt und dort Ihr erstes Telemarketing-Projekt realisiert.

Michael Stüve

Michael  Stüve, Geschäftsführer HCD

Michael Stüve erkannte als einer der ersten, dass insbesondere offene Arbeitswelten ganzheitlicher Planung bedürfen – besonders mit Blick auf die Akustik. Dabei bietet der Open Space die Chance, Flächenwirtschaftlichkeit, Team – Kommunikation und akustischen Komfort gleichermaßen zu realisieren.

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